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Oktober 14, 2020 Weiterlesen ... →

Hoher Anteil neurologischer Erkrankungen

Neurologische Erkrankungen stellen in der EU die dritthäufigste Ursache von Behinderungen und vorzeitigen Todesfällen dar. In Europa und auch in Deutschland sind fast 60 Prozent der Bevölkerung von einer neurologischen Erkrankung betroffen. Das vermeldet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und fordert von der Gesundheitspolitik, die Versorgungsstrukturen entsprechend zu stärken und Präventionsprogramme auf den Weg zu bringen. Denn die Zahlen zeigten auch, dass eine gute neurologische Versorgung wirksam ist und die Zahl der verlorenen Lebensjahre für jeden einzelnen Patienten reduzieren kann. 

Die DGN bezieht sich auf eine Studie, die in der letzten Woche in „Lancet Public Health“ veröffentlicht wurde und die neurologische Krankheitslast in der EU mit der von ganz Europa und der Welt verglichen hat. Die Studie wurde von der „European Academy of Neurology“ (EAN) beauftragt. Die Krankheitslast wird durch Inzidenz, Prävalenz, Mortalität und durch Behinderung verlorene Lebensjahre (DALYs/„disability-adjusted life-years“) angegeben. Analysierte Erkrankungen waren M. Alzheimer und andere Demenzformen, Epilepsien, Kopfschmerzen (Migräne und Spannungskopfschmerz), Multiple Sklerose, M. Parkinson, maligne Hirntumoren, Motoneuronerkrankungen (zum Beispiel Amyotrophe Lateralsklerose/ALS), Infektionen des Nervensystems und Schlaganfälle.
Im Jahre 2017 litten demnach in der EU 307 Millionen Menschen an mindestens einer neurologischen Erkrankung. Dies entspricht 60 Prozent der Bevölkerung. Die Gesamtzahl der DALYs, die auf das Konto neurologischer Leiden gehen, liege bei 21 Millionen in der EU und bei 41,1 Millionen im gesamten europäischen WHO-Gebiet. Insgesamt verstarben in der EU 1,1 Million Menschen an neurologischen Erkrankungen und 1,97 Millionen im Europäischen WHO-Gebiet. Damit stehen in der Statistik neurologische Erkrankungen an dritter Stelle nach kardiovaskulären Erkrankungen und Krebserkrankungen; sie machen in der EU 13,3 Prozent aller DALYs und 19,5 Prozent der Gesamttodesfälle aus. In der EU waren die drei häufigsten DALY-Ursachen Schlaganfälle, Demenz und Kopfschmerzen. Die Krankheitslast durch neurologische Erkrankungen war in Europa bei Männern größer als bei Frauen; der Altersgipfel lag bei 80 bis 84 Jahren – und sie variierte im Europäischen WHO-Gebiet und in den Ländern erheblich.

„Die Prävalenz neurologischer Erkrankungen ist hoch – die hohe Zahl hat uns selbst überrascht – und sie wird aufgrund des demografischen Wandels weiter ansteigen“, erklärt Studienautor Prof. Dr. Günther Deuschl, Seniorprofessor an der Universität Kiel. „Wir können an der Studie zahlreiche Trends erkennen: Einige Krankheiten nehmen ab, wie etwa die Hirnentzündungen, aber die sowieso schon häufigen Erkrankungen (zum Beispiel Schlaganfall, M. Alzheimer, M. Parkinson) nehmen quantitativ zu. Bemerkenswert ist, dass die Krankheitslast für den Einzelpatienten für einige Erkrankungen aber abnimmt.“ Das beste Beispiel sei der Schlaganfall: In der EU sei es zu einer Reduktion der DALYs für den Einzelpatienten um 54 Prozent gekommen. Dies dürfte vor allem durch verbesserte Prävention und durch Fortschritte der neurologischen Therapien (Stroke Units) bedingt sein. Die Patientenzahl sei aber wegen der Zunahme älterer Menschen um 25 Prozent gewachsen. „Die Daten legen nahe, dass neurologische Versorgung und Prävention wirksam sind und stellen ein klares Signal dafür dar, für alle neurologischen Erkrankungen bessere Krankheitsversorgung und Forschung zu etablieren“, so Deuschl.

„Die Prävalenz neurologischer Erkrankungen wird aufgrund der Veränderungen der Altersstruktur in Deutschland und Europa weiter zunehmen – darauf müssen wir uns einstellen. Die Versorgungsstrukturen müssen daher entsprechend ausgebaut und die Forschung gestärkt werden“, so das Fazit von Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN, aus den aktuellen Daten. „Da die Erkrankungszahlen weiter steigen, ist es von besonders hoher Bedeutung, gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden effektive Präventionsprogramme auf den Weg zu bringen. Dem trägt die DGN mit einer speziellen Kommission zu dieser Thematik Rechnung“.

Veröffentlicht in: news2